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(...) Im Rückblick ist man versucht, so hörbar einfach gebaute Werke wie Haydns op.1 "konventionell" zu finden, doch das wäre in diesem Fall mehr als ungerecht: denn was hier so vertraut klingt, klingt nicht deshalb so vertraut, weil es alten Vorbildern folgt, sondern, weil es selbst zum Vorbild wird. Konventionell ist allenfalls die noch fünfteilige Satzfolge mit zumeist schnellen Ecksätzen, dazwischen zwei Menuette und in deren Mitte wiederum ein langsamer Satz. Doch was Haydn mit den vier Streichinstrumenten im Innern der Sätze anstellte, das war für die Zeitgenossen schlichtweg unerhört: hier wurden Stile gemischt, das Heitere ohne Vorwarnung an das Melancholische geheftet, hier wurde musiziert, als würde man einfach miteinander plaudern, hier wurden des schönen, lichten Klangs wegen ständig die Stimmen verdoppelt: die Geigen spielen meist zusammen und so tun es auch Bratsche und Cello - eine kleine Revolution, die wachsamen Zeitgenossen wie dem Kritiker Ernst Ludwig Gerber nicht entgehen konnte. 1790 schrieb der in seinem Lexikon des Tonkünstler: "Schon Haydns erste Quatros machten allgemeine Sensation. Man lachte und vergnügte sich auf der einen Seite an der außerordentlichen Naivität und Munterkeit und in anderen Gegenden schrie man über die Herabwürdigung der Musik zu komischen Tändeleyen und unerhörten Oktaven."

Am liebsten möchte man diese wunderbaren Divertimentos gewissermaßen in ihrer historischen Schwebe lassen: irgendwo auf dem Weg zum klassischen Streichquartett, aber noch nicht ganz dort angekommen. Wenn man sich aber unbedingt entscheiden müsste, dann würde man es vermutlich so wie das Auryn-Quartett halten: In seinem auf 14 Folgen angelegten Projekt einer Gesamteinspielung aller Haydn-Quartette, auf dem Cover der Doppel-CD selbstbewusst "Auryns Haydn" genannt, in diesem Projekt steht als Erstes die Sammlung Opus 1 auf der Agenda. Von hier ausgehend mag der Hörer die weiteren Wege selbst nachvollziehen – bis hin zur beispielhaften Ausformung und späten Überhöhung dieser Gattung ebenfalls durch Haydn.

In über 25 Jahren - ohne personellen Wechsel– hat sich das Ensemble längst zu einer eigenen, international beachteten Marke entwickelt. Charakteristisch der Einfallsreichtum und die Experimentierfreude der Auryns beim Aufbau des Repertoires bis weit hinein in die Gegenwart, dazu der Ehrgeiz zu vollständigen Werkschauen, von Beethoven etwa, von Schumann, Schubert und Brahms, jetzt eben von Haydn. Charakteristisch aber auch das Spiel selbst, das ganz dem Ideal eines großes, modernen Streichquartetts nachkommt: in der Präzision der Ausarbeitung, der Ausgewogenheit im Klang, in der Durchhörbarkeit der Stimmen, in der sehr fein abgestuften, sehr genau kontrollierten Dynamik – und natürlich in der dialogischen, gesprächsähnlichen Zusammenarbeit.

Vom Ideal eines modernen Streichquartetts, eines Quartettensembles, ist viel verwirklicht in dieser neuen Einspielung: die Auryns musizieren mit leichter Hand und mit gespitzten Ohren, schattieren den Klang zwar durch bis in tiefe Grundtöne, drücken der feinen Musik aber keine Lasten auf: das Ensemble bewegt sich federnd wie auf Zehenspitzen, bringt in den zentralen Mittelsätzen die oft ariosen Melodien mit langem Atem mühelos zum Singen und verleiht auch den schlichtesten Begleitfiguren eine natürliche Lebendigkeit. Gleichwohl überrascht, dass sich ein so innovatives Ensemble nicht weiter auf die Konsequenzen einer sogenannten historischen Aufführungspraxis einlässt: Zwar werden Wiederholungen in langsamen Sätzen hin und wieder mit Verzierungen garniert, das Vibrato ist, was es sein sollte, ein subtiler Effekt, keine Dauerzustand, und auch die Phrasierung ist kleingliedriger, als sie bei einem vergleichsweise guten Ensemble vor 30 oder 40 Jahren noch gewesen wäre. Doch der generelle Gestus ist eben der eines großen, modernen Quartetts, das hier halt eine etwas klein geratene Musik spielt.

Auch die Aufnahmetechnik ist entsprechend: mit erheblichem Erfolg auf Brillanz und Räumlichkeit zielend, aber ganz geleitet von der Akustik des heutigen Konzertsaals, nicht von der Vision, wie diese Musik vor 250 Jahren – geschrieben als Hausmusik für Laien – geklungen haben mag: sicher intimer, zarter und um einiges näher am Hörer. So wird das Streichquartett, "diese höchste Instrumentalgattung im privaten Bereich", wie sie der Musikwissenschaftler Ludwig Finscher einmal genannt hat, so wird diese Gattung von den Auryns und ihrem Tonmeister Andreas Spreer schon in dieser frühen Geburtsstunde fit gemacht für jene große "musikalische Öffentlichkeit", die sich jedoch erst viel später, am Ende von Haydns Leben, langsam zu etablieren beginnt. (...)
Raoul Mörchen

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