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--> zur Original-Kritik

Johannes Brahms hat seine letzten Werke für Klavier lapidar „Klavierstücke“ genannt, davon sehr viele als „Intermezzo“ bezeichnet. Allerdings sind diese „Intermezzi" nichts weniger als bloße „Zwischenspiele“, wie der Wortlaut nahelegt, sondern „Zwischenspiele an sich“, ohne Bezug zu Vor- oder Nachspielen. Sie sind pianistische Selbstvergewisserungen, intimes Sprechen in die Stille, Aussprechen von nicht mehr Sagbarem, Klaviermonologe, wie Eduard Hanslick sie nennt, Träumereien, aber vor allem auch kunstvoll gearbeitete Kompositionen, die einen musikalischen Gedanken immer wieder und bis ins letztmögliche ausformulieren, variieren und formal ausschöpfen. Insofern weisen sie in die Zukunft – bis hin zu den „Musik an sich“ gestaltenden Klavierstücken von Anton von Webern und Arnold Schönberg.

Der in Hamburg lehrende und lebende Pianist Evgeni Koroliov hat auf dieser Doppel-CD alle Intermezzi von Brahms versammelt, sie damit zwar aus den Bezugsrahmen der jeweiligen Opera herausgerissen, dafür aber neue Bezüge geschaffen, indem man diese Form des Intermezzos direkter verfolgen kann. Und man staunt über Brahms’ unermüdliche Formen- und Klangvielfalt, die sich hier entfaltet.

Vor allem aber staunt man über Koroliovs gestalterische Kraft, sein so bewusstes wie frisches Spiel, seine unerhörte Konzentration und den preziösen Klang des Steinways. Tief versenkt er sich in die Traumverlorenheit dieser Klavierstücke, versinkt aber nicht darin. Mit hellklarem Bewusstsein spürt er den Strukturen der Musik nach, spürt sie auf und lässt sie klingen. Dabei ist der Klang lauter, wie gereinigt, nie „schwül“, und wie liebevoll-süß kann er den Steinway geradezu pianistisch streicheln! Trotz der hörbaren Detailverliebtheit bleibt die Musik nicht stehen, geht sie immer voran. Klar bewusst – höchste Lust, möchte man Wagners Tristan paraphrasieren. Das hört man auch am präzis ausgedachten Gebrauch des Pedals.

Der staunend gehörten Einzelheiten ist kein Ende: Wohlig-satte Akkorde auch im Piano lassen den Klang in Erinnerung versinken im Intermezzo b-Moll op.76 Nr .4, durch genaueste Wiedergabe der Rhythmik zeichnet Koroliov eben das raffinierte Schwanken dieser Rhythmik bis hin zu Auflösung in Klangseufzer nach im Intermezzo A-Dur op. 76 Nr .6, feinste nuancenreichste Anschlagskunst zusammen mit höchster Klarheit schafft inhaltsvollste Poesie im darauffolgenden Intermezzo a-Moll.

Wunderbar verharrt die Musik wie im meditativen Stillstand, jedoch in diesem Stillstand drängend und verhalten weinend bis hin zur selig schwärmerischen Ekstase im Intermezzo E-Dur op. 116 Nr. 4, alles feinnervig gespielt und klar gezeichnet: ein Klang-Sfumato wie mit dem Silbergriffel gezeichnet: ein produktiver Widerspruch.

Von höchst intimem Reiz ist das Intermezzo in h-Moll op. 119 Nr. 1, unendlich lyrisch-zart der ins Dur gewandelte Mittelteil des Intermezzo e-Moll op. 119 Nr. 2, herausragend das Intermezzo es-Moll op. 118 Nr. 6: Aus der Schwermut des Beginns mit dem in sich kreisenden abgewandelten „Dies-irae“-Motiv wächst der leidenschaftlich-energische Mittelteil heraus und sinkt dann langsam wieder resigniert zurück in Schwermut: ein „expressiver Höhepunkt in der Gattung des lyrischen Klavierstücks“ urteilt Christoph Martin Schmidt in „Reclams Brahms Musikführer“ und ein expressiver Höhepunkt in der Pianokunst des Evgeni Koroliov.

Das Label TACET hat dieser Aufnahme wie immer besondere Sorgfalt angedeihen lassen, der Raum der Jesus-Christus-Kirche in Berlin-Dahlem ist hervorragend akustisch eingefangen, alles klingt ebenso klar wie tief: eine CD zum immer wieder Anhören, zum Eintauchen und bewussten Nachvollziehen großer Kompositionskunst.

Rainer W. Janka

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