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--> zur Original-Kritik

Man muss sich auf diese zweite Folge des CD-Projektes „Mare Balticum“ einlassen. Das gilt natürlich generell für jedes Album, doch in diesem besonderen Fall empfiehlt es sich, sich wirklich Zeit zu nehmen und eine ruhige Atmosphäre zum konzentrierten Zuhören zu schaffen. Eine gute Viertelstunde etwa dauern die sechs einstimmigen Gesänge aus dem Cantus sororum der Birgitta von Schweden (um 1303–1373), laut dem informativen Beiheft dem einzigen liturgischen Repertoire überhaupt, das für den „ausschließlichen Gebrauch durch Frauen“ zusammengestellt wurde. Die vier ausgewählten Responsorien, dazu eine Antiphon und ein Tropus, sind von größter melodischer Schönheit; Abwechslung stellt sich freilich nicht durch Kontraste her, an die ein heutiger Hörer gewöhnt ist, sondern subtil durch das Alternieren zwischen Solo-Stimme und Frauenchor, auch die rhythmische Freiheit, mit der die klaren, doch gleichzeitig sinnlich farbigen Stimmen des Ensemble Peregrina die gregorianischen Gesänge entwickeln.

Subtile melodische Schönheit

Es ist ein anderes Zeitgefühl, das die neun Musikerinnen und Musiker hier schaffen, eines, das durch tiefe Kontemplation, nicht selten auch durch Statik bestimmt ist wie etwa in der nur von einem Bordunton begleiteten finnischen Sequenz Cetus noster letus esto. Im Vergleich dazu wirkt der Hymnus Ramus virens olivarum aus der ebenfalls finnischen Sammlung Piae Cantiones von 1582 umso lebendiger: Die Rhythmik teilt sich unmittelbar mit, dazu entdeckt das hier das vollständig versammelte Ensemble eine sehr wirkungsvolle

Steigerungsdramaturgie.

Doch eine solche Dynamik ist eher die Ausnahme, ähnlich wie instrumentale Stücke (ein Ave maris stella, das mit Fiedel und Laute improvisatorisch frisch gespielt wird) oder das volksmusikalisch eingängige Lied finnische Olla mortis patescit (ebenfalls aus der Sammlung Piae Cantiones). Auch wirken insbesondere die finnischen Gesänge, etwa die langen zweistimmigen Organa Jesus Christus Lunastajam und Ihesus Christus nostra salus deutlich älter, als die angegebene zeitliche Einordnung in das 15. resp. 16. Jahrhundert vermuten ließen; man würde eher vermuten, dass sie aus dem Mittelalter stammen statt aus der Renaissance-Zeit. Das ist der Erkenntnisgewinn, den man aus dieser faszinierenden Produktion zieht, wenn man sie wirklich konzentriert hört: wie offenkundig unberührt von der europäischen Entwicklung zumindest in Teilen Schwedens und Finnlands damals musiziert wurde – und wie differenziert und ansprechend die Musiker des „Ensemble Peregrina“ unter Agnieszka Budzinska-Bennett all diese Raritäten zum Leben erwecken.

Dr. Michael B. Weiß

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