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--> zur Original-Kritik

Warum hüpft das Herz des Rezensenten vor Freude, wenn ihm eine CD des Pianisten Evgeni Koroliov angekündigt wird? Weil der 1949 in Moskau geborene, seit 1978 in Hamburg lebende Künstler mit unendlicher Sorgfalt und geradezu liebender Hingebung seine Programme vorbereitet, weil dieser Künstler nicht sich, sondern den jeweils gespielten Komponisten herausstellt, weil er quasi in den gespielten Komponisten zu verwandeln scheint. Die Ehrfurcht vor dem Werk wandelt sich um in eine Interpretation, die ins Innerste des Werkes zielt.

Musik für die einsame Insel

Booklet-Lyrik kann ja manchmal arg panegyrisch sein, aber dem ungarischen Komponisten György Ligeti stimmt der Rezensent vorbehaltlos zu: „Wenn ich nur ein Werk auf eine einsame Insel mitnehmen darf, wähle ich Koroliovs Bach, denn diese Platte würde ich, einsam verhungernd und verdurstend, bis zum letzten Atemzug immer wieder hören.“ So wird Ligeti im Booklet zitiert.

Man kann Bach trällern, man kann Bach stampfen, lyrisch opulent spielen oder vergeistigt strukturell, man kann Bach wie eine Nähmaschine nadeln oder wie in einem Sturmlauf durchrasen – oder wie Koroliov spielen. Er vereinigt Kontrapunktik mit Melodik, er verbindet stringente Klarheit mit farbsattem Klang, er schafft klanglich vollkommene Ausgewogenheit. Seine durchdachte Phrasierung, diese sorgfältig geplante Abfolge von Gewichtung und Abklang, die bisweilen an ein Orgelspiel denken lässt, ist eingebunden in die logische Prozessstruktur: klingende Logik, logischer Klang.

Überreich an Entdeckungen

An musikalischen Entdeckungen ist diese Doppel-CD mit drei Bach-Partiten überreich:
Koroliov setzt den Schluss an den Anfang, beginnt mit der Krönung: Die e-Moll-Partita Nr. 6 ist die aufwendigste und ambitionierteste der sechs Partiten. Die dreistimmige Fuge der Toccata bekommt bei Koroliov, auch durch den behutsamen Einsatz des Pedals, etwas Versonnenes, ja Träumerisches, die melismenreiche Allemande lässt bei Koroliovs Interpretation ahnen, warum Chopin lebenslang von Bach so begeistert war, die durch elegante Synkopik rhythmisch schwebende Corrente überzeugt mit zart hingetupfter, aber immer drängelnd sprudelnder Virtuosität. Die Sarabande nimmt Koroliov nicht so pathetisch wie Murray Perahia (2009) und nicht so energie-explosiv wie Igor Levit (2014), sondern versonnen fragend, wie in sich hineinhorchend, das ornamentale Melos irrlichtert bisweilen phantastisch: ein tiefes Klanggeheimnis.

Wunderschön zart singend

Und immer bleibt Koroliovs Ton vollleuchtend und doch herrlich klar. Auch die Sarabande in der Partita Nr. 1 B-Dur schreitet gedankenausschwingend, strukturiert durch bedachtsam-delikate, wie sanft gezupfte Basstöne. Koroliov kann aber auch virtuos prunken, funkeln und glitzern wie in der rauschenden Gigue, bleibt dabei aber immer leichtfingrig.

Den ersten Satz der Partita Nr. 2 c-Moll, die Sinfonia, beginnt Koroliov gravitätisch, kostet dann wunderschön zart singend das Ariose des folgenden Andante aus und lässt diesen Satz schließlich in die vitale, dabei aber immer spielerisch-grazil gespielte Fuge münden. Aufschlussreich ist ein Vergleich mit einer Aufnahme von Martha Argerich (1980): Die beginnt mit feurig-fiebrischer Wucht, durcheilt dann ziemlich rasch das Arioso und wird dann noch schneller und fast rasend in der Fuge: ein aufs Ende zielende, also final ausgerichtete Darstellung, während Koroliov die Gleichgewichtigkeit aller drei Teile betont und damit eine sorgfältig austarierte Gesamtarchitektur schafft. Die Sarabande ist eine zarte Innerlichkeits-Etüde, heiter gehüpft kommt das diese Partita abschließende Capriccio daher in einer "humoristischen Leggerezza" (Werner Oehlmann): Lieben Sie Bach? Dann hören Sie Koroliov!

Hervorragend kann sich der singende Ton von Koroliov in der Jesus-Christus-Kirche in Berlin-Dahlem entfalten und genauso hervorragend ist der Ton des Steinways eingefangen. Insgesamt wahrlich eine Doppel-CD für die Insel!

Rainer W. Janka

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