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Alles, was ich bisher mit dem jetzt 60jährigen Moskauer Pianisten Evgeni Koroliov gehört, genauer: erlebt habe, deutete auf einen konzessionslos ernsten, im Umgang mit den ihm anvertrauten Werken geradezu fanatisch ernsthaften Interpreten. Ich erinnere nur an seine gläsern-statischen, peinlichst genau recherchierten Debussy-Préludes (Tacet 131), die den Eindruck erweckten, als befände man sich zu nächtlicher Stunde völlig allein an einem imaginären Ort der Bildbetrachtung – faszinierend und irritierend zugleich!

Nicht anders verhält es sich aus meiner Sicht, wenn Koroliov seine werkchronologisch sprunghafte Reise durch die Welt der Chopin-Mazurken unternimmt. Unverblümt Freudiges, Naturhaftes, tänzerische Gesundheit im Sinne einer positiven Sicht von Volkstümlichkeit – solche Attribute wirken zurückgedrängt zugunsten einer Handhabe, die all diesen in zahllosen Einspielungen dokumentierten Vertrautheiten ihre Daseinsberechtigung verweigert, zumindest in Frage stellt. Andererseits gelingt es Koroliov, das bisweilen verwegen Künstliche, das raffiniert Gebaute dieser Miniaturen schonungslos herauszuarbeiten. Koroliov verliert sich nicht glückselig – wie einst Rubinstein – in die stampfende, wogende und singende Tanz- und Klangalchemie dieser Kleinformate, vielmehr lüftet er wie in Amt und Würden eines pianistischen Gerichtsmediziners die Innenansichten musikalischer Gewebe und Skelettstrukturen. Er befindet sich dabei auf jener – kontrovers diskutierten – ästhetischen Ebene, auf der sich schon Benedetti Michelangeli und Valery Afanassiev um provokant „unpolnische“ Eisblumen-Mazurkas verdient bzw. angreifbar gemacht haben. Eine Mazurka-Folge mithin, die zu denken gibt, die den Unbequemlichkeiten dörflichen Lebens Rechnung trägt, die Impulse gibt, sich erneut – und unvoreingenommen – einem Komponisten zuzuwenden, der im Allgemeinen als guter Bekannter eingeschätzt und in diesem Sinn auch vermarktet wird.
Peter Cossé

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