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Evgeni Koroliovs Schubert-Interpretationen im Rahmen der Nr. 15 der ihm gewidmeten Tacet-Serie zwingt geradezu, einen genaueren Blick auf das als "Fantasie-Sonate" publizierte Wunderwerk in G-Dur (D 894) zu werfen. Beim Kommen und Gehen der von Schubert erfundenen und zum klingenden Leben erweckten Figuren handelt sich im wahrsten und zugleich mehrfachen Sinn um ein markantes Aufeinandertreffen. Auf der einen, der historischen Seite zeigt sich der Komponist als ein überlegt formender Beherrscher romantischer Geister. In der Bereitschaft, auch sein Inneres zu öffnen, übt und erregt sich der Tongeber als träumender, tänzelnder, schmachtender Ich-Erzähler mit all seinen Möglichkeiten, zwischen den expressiven Polaren von Schmerz und Wohlbefinden, von Dramatik und Heiterkeit bis an die sittsamen Grenzen des Überschwangs einen Ausgleich zu finden. Unter diesem bald straffen, bald gelösten Spannungsbogen bewegt sich Alfred Brendel in seiner Philips-Aufnahme aus den 70er-Jahren mit der Sicherheit eines gleichsam Intellekt und Gefühl in Einheit verkörpernden Musikers. So etwa in den sinnlich gesetzten Akkordblöcken des ersten Satz für Raum und Nachdenklichkeit sorgend, aber auch im erfolgreichen Bemühen, nicht wie zum Beispiel Sviatoslav Richter in seinen wahrlich entschleunigten Gedanken- und Fingerexperimenten den musikalischen Gegenstand aus den Augen zu verlieren.

Evgeni Koroliov habe ich bis zum heutigen Tag in all seinen Darbietungen als einen Mann der künstlerischen Unbestechlichkeit empfunden. Als einen Pianisten, der sich eher grübelnd, tastend, vielleicht auch akribisch recherchierend einer Partitur nähert und in seinen Auftritten kaum einen Unterschied kennt, ob es sich um ein von einem imaginären Publikum gefülltes Studio oder einen dem Publikum nicht zugänglichen Konzertsaal mit Studioqualität handelt. Koroliov scheint in befriedigender Einsamkeit seine Bahn zu ziehen, sobald er zu vertretbaren Resultaten gekommen ist. Er gibt sich zu erkennen im Einklang mit dem von ihm erarbeiteten Gang der musikalischen Dinge, ohne sich je in den künstlerischen Wahlkampf zu begeben, indem er mit diesem und jenem pianistischen Kunststück um Anerkennung und schon gar nicht um blinde Gefolgschaft bettelt. Der Kopfsatz der G-Dur-Sonate wirkt herb getönt. Die freundlichen Akkordgruppierungen ereignen sich in einer ganz eigentümlichen Mischung aus lakonischer und unterschwellig drängender, glosender Temperierung. Die folgenden Belebungen und Verflüssigungen des Materials bis hin zu tänzerischen Luftigkeiten werden von Koroliov als kausal verknüpfte Kette nach Vorne und im Verlauf dieses großangelegten Satzes auch in ihren wiederkehrenden Passagen entfaltet und überwacht. Diese Atmosphäre sorgenden Überwachens aller im Text vorliegender Parameter bleibt meiner Ansicht nach für die darstellerischen Handhabungen des Pianisten für alle hier gestellten Aufgaben zweier in ihren klanglichen und mobilen Erscheinungen so Facetten reichen Sonaten verbindlich. Verschiedenen Ansätzen im Umgang mit kleineren Schubert-Einheiten kann man vor allem in der Lesart des Menuettsatzes der G-Dur-Sonate nachspüren. Die meisten der unten angeführten Interpreten platzieren die akkordischen Blöcke resolut, ja nicht selten mit einer tendenziell peinigenden Hartherzigkeit. Ingrid Haebler zum Beispiel setzt die Akzente mit einer ans Militante grenzendeen Strenge, während sich Koroliov für mein Empfinden dem altmodischen Menuett-Gestus um Nuancen biegsamer zu nähern wagt. Im Trio hingegen – einem der berührendsten Trio-Abschnitte der gesamten Musikliteratur! – entscheidet sich Ingrid Haebler besonders im Teil 2 des lyrischen Einschubs für eine Diskretion des Lieblichen, wie sie sanft beschwingter ausgedacht und ausgeführt sich nicht denken lässt.

Mit dem Finalsatz haben die meisten Interpreten ihre liebe Müh'! Es gelingt ihnen nur selten, aus dem Wechsel von thematischer Anschaulichkeit und improvisatorisch wirkender Geläufigkeit überzeugende Schlussfolgerungen zu ziehen. Um besondere Defizite handelt es sich, was den Anschlag etwa der im Hauptthema repetierten Signalnoten oder die von der linken Hand anzutupfenden Begleitkommentare anbelangt. Koroliov fehlt es – zumindest hat es hier den Anschein – an einer Portion Humor, zumindest an einer kleinen Dosis an Lässigkeit, um – wie Alfred Brendel – diesen Satz bis in die letzten Winkel von vitaler Melodik und Rhythmik erkunden zu können. Bei Brendel mag man die Pointen der linken Hand auf eine Weise bestaunen, als dienten dem Ausführenden keine Tasten, sondern kleine, dem Konzertflügel eingefügte Trampoline.

Der inzwischen sicher großen Koroliov-"Gemeinde" muss man diese Veröffentlichung nicht gesondert empfehlen, denn eine Serie – man kennt das von den TV-Staffeln – ist unter günstigen Umständen bald Teil des schönen Alltagsleben. Aber Koroliovs Spiel sollte nicht nur seinem Stammpublikum von Gewinn sein, sondern all jenen Musikfreunden, die sich intensiver mit den Klavierkompositionen Schuberts beschäftigen und sich im vergleichenden Hören immer wieder bereichert wissen.

Peter Cossé

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