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--> zur Original-Kritik

Das Zentrum des Scarlattischen Werke-Kosmos bilden 555 (Cembalo-)Sonaten, komponiert fast ausschließlich für seine königliche Elevin, die portugiesische Prinzessin Maria Bárbara de Bragança. Seit Beginn der Tonträgerhistorie haben sich zahllose bedeutende Cembalisten und Pianisten dem opulenten Tastentableau gewidmet, darunter Heroen wie Scott Ross, Vladimir Horowitz, Christian Zacharias, Mikhail Pletnev, Ivo Pogorelich, Alexis Weissenberg oder Dinu Lipatti. Auf höchsten spieltechnischen und interpretatorischen Standards fanden sie zu unterschiedlichen, bisweilen konträren Lesarten.

Relativ neu im Feld der Referenz-Aufnahmen sind die Einspielungen des Göttinger Pianisten Christoph Ullrich. Auf 17 Jahre angelegt ist dessen 2011 initiiertes Projekt einer Gesamtaufnahme der Sonaten. Die Zeit, das legen die bislang veröffentlichten CDs der Reihe nahe, scheint angemessen, denn Ullrich begreift jede einzelne Sonate als originären Kosmos mit eigenen Herausforderungen.

Tatsächlich steht Scarlattis Sonatenwelt für vielgesichtigen Zauber. Oszillierend zwischen Verspieltheit, Einkehr, Heiterkeit, Depression, Melancholie, tänzerischer Einlassung und Übermut, Witz oder Folklore-Idiomen, präsentieren sie wechselnde Stimmungen und spieltechnische Niveaus. Ullrichs Lesarten bieten nichts weniger als Feier der Nuance und Subtilität. Seine detailaffine Kunst kennt hunderte von Schattierungen, sein pianistisches Potential keine Grenzen. Vor diesem Hintergrund steht auch "Volume 2" des Scarlatti-Projektes für mehr als nur Scarlatti-Exegese: Sie ist Hommage an den modernen Konzertflügel und seine Möglichkeiten.

Martin Hoffmeister


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