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--> zur Originalkritik

Fast zwei Jahre sind jetzt vergangen, seit ich das erste Dreier-Set des Auryn Quartetts zum Thema Mozart vor mir hatte – eine ganz erlesene Produktion sämtlicher Streichquintette, die das Quartett der vier Herren im Verein mit der Bratschistin Nobuko Imai bei ihrem quasi Exklusiv-Label Tacet herausbrachten. Mir erschien und erscheint diese Veröffentlichung [Klassik-Heute 21898] als Muster einer in allen Belangen gelungenen Einspielung und vorzügliche Demonstration dessen, „was das eigentliche und höchste Ziel der Wiedergabe sein sollte: ganz unabhängig von den benutzten Mitteln, sie seien historisch, historisch informiert oder modern, aus den Zeichen, die irgendwann von einem schöpferischen Geist als Ausdruck seiner selbst nieder- und festgeschrieben wurden, nicht bloß schöne, reine Klänge vermöge einer untadeligen Technik und Akustik zu (re)produzieren, sondern vor allem das Wesen dessen, der’s gefertigt, aus seinen Zahlen und Figuren dergestalt herauszulösen, dass dieser Creator wieder in lebendigen Kontakt mit uns tritt – ob zwischen seinem ,Hingang’ nun ein paar Jahre oder Dezennien, ob ganze Jahrhunderte liegen.“

Nicht mehr und nicht weniger habe ich zu der 2017 entstandenen Aufnahme der sogenannten „Haydn-Quartette“ zu sagen. Auch beim Umgang mit diesen sechs „Früchten einer langen und mühseligen Arbeit” legen die Auryns eine solche Natürlichkeit an den Tag, dass man schon im ersten Satz des vielgespielten G-Dur-Quartetts den Kurs erahnt, der während der nächsten dreieinhalb Stunden reiner Musik eingeschlagen werden soll: Nichts Forciertes, nichts Überhitztes, keine vordergründig wirksamen Albereien oder Koketterien gibt es in diesen dichten, geistreichen Stimmengeflechten; nirgends habe ich den Eindruck, man wolle mich über den „wahren Charakter“ des Komponisten, über seine Aufmüpfigkeiten oder gar den „Tritt im Hintern“ belehren, mit dem wenige Jahre vor der Verfertigung dieses halben Dutzends kammermusikalischer Höchstleistungen das fürsterzbischöfliche Arbeitsverhältnis dauer- und schmerzhaft beendet wurde. Und doch ist alles vorhanden: die unterschwelligen Spannungen, die Widerspenstigkeit der Menuette, der wilde Aufruhr mitunter („Dissonanzen“), die ariosen, durchweg ergreifenden Schönheitsträume – ja, selbst die Arbeit, die Erwägung, ein für mozartische Verhältnisse bemerkenswertes „Ringen mit dem Material“ ... all das geht ohne Übertreibung, bedarf keines Wettlaufs gegen die Uhr, generiert sich gewissermaßen so sehr aus sich selbst heraus, dass sich die Ausführenden sogar den Luxus leisten und sämtliche Wiederholungen beachten können. Mit andern Worten: Auch die zweiten Hälften der Sonatenhauptsätze, die Durchführungen und Reprisen gibt es doppelt – und wer da glaubte, das wäre des Guten zu viel getan, sei versichert, dass der Autor der vorliegenden Eloge allein zum Zwecke der Rezension das gesamte Paket zweimal und gewiß nicht zum letzten Male gehört hat. Einzelnes auszusondern, um es besonders hervorzuheben: die herrlichen Glockentöne des Cellos etwa im Kopfsatz des KV 421; die Ereignisse, die aus einer punktierten Standardfigur entstehen; das fahle Licht, das auf den thematischen Tritonus im zweiten Takt des KV 428 fällt; die winzigen Fensterchen, durch die man im ersten Allegro des KV 464 wie durch eine Camera obscura in die Welt Gustav Mahlers blicken kann – allein diese wenigen Unterstreichungen könnten schon wieder das Gesamte in einer nicht vollkommenen Rundung erscheinen lassen. Von einer solchen darf hier aber getrost die Rede sein. Oder objektiver formuliert: Diese Veröffentlichung ist eine sehr ernstzunehmende Erscheinung, weil sie nicht „will“, sondern „ist“.

Rasmus van Rijn


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