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--> zur Originalkritik

Anfangs des 20. Jahrhunderts hätte jede Vorstellung einer heute üblichen totalen Reproduzierbarkeit von Musik wohl zu den absurdesten Fantasien gehört. Aber der Wunsch, ein Musikstück auch jenseits des vergänglichen Konzert-Erlebnisses immer wieder abspielen zu können, existierte längst. Gigantisch muss der Aufwand gewesen sein, das Welte Mignon zu konstruieren und zu betreiben – das war ein voluminöser Apparat, der anstelle des Spielers an einem Klavier oder Flügel aufgebaut wurde. Oder eine komplizierte Technik, die gleich in einen Flügel eingebaut wurde und wo die Hebelchen, von der Geisterhand einer komplexen Pneumatik und Mechanik gesteuert, die Rolle des Pianisten übernahmen. „Gefüttert“ wurde das Welte Mignon mit Papierwalzen, welche in Gestalt von Lochungen präziseste Informationen über den Tastendruck enthielten. Und diese wurden wiederum in Echtzeit durch einen Pianisten eingespielt. Im Prinzip ist diese Automatisierung des Klavierspiels eine erste Form von „Musik-Digitalisierung“. Das Label Tacet hat sich diesem erstaunlichen Kapitel der Musikreproduktion verschrieben und holt auf einer neuen CD einen historischen Spieler wie aus einer imaginären Zeitmaschine in die Gegenwart zurück: Alfred Reisenauer (1863-1907) war Liszt-Schüler und gefeierter Virtuose in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Er gehört zu den wenigen internationalen Künstlern, deren Konzerttourneen bis auf den asiatischen Kontinent reichten. Im Jahr 1905 spielte er in langen Aufnahmesessions viel Repertoire für das Welte-Mignon ein. Jetzt ist sein Spiel über den Umweg einer solchen Apparatur auf einem modernen Steinway-Flügel zu hören.

Und damit fällt der übliche Wahrnehmungsfilter, den normalerweise die historische Aufnahmetechnik einer Interpretation von einst überstülpt, auf wundersame Weise weg. Wir dürfen staunen, wie frisch, hellsichtig und eigenständig dieser Pianist auf dem heutigen Steinway Flügel „spielt“. Nie groß auftrumpfend, auch nicht intellektuell verkopft, aber in jedem Moment sehr lebendig fühlt sich Reisenauers Tastenkunst im Heute bestens zuhause. Liedhaft beschwingt und mit flüssiger Leichtigkeit durchstürmt sein Spiel wie ein Weckruf Robert Schumanns Carnaval op. 9. Es erstaunt einmal mehr, wie die Übertragungs- und Aufnahmetechnik den ganzen dynamischen Kapriolen und verspielten Extravaganzen gerecht wird, von denen Reisenauers Vortrag bei den Aufnahmesessions im Jahr 1905 nur so gestrotzt haben müssen. Zu spüren ist hier ein künstlerischer Zeitgeist, in dem Pianisten sich viel Freiheit gönnten, auch wenn dies gerne mal der Selbstinszenierung diente.

Eine Hommage an seinen Lehrmeister in Gestalt der Ungarischen Rhapsodie Nr. 1 blüht unter seinen Händen wie ein vielgestaltiger, expressiver, zuweilen sinfonischer Kosmos auf. Bei allen subjektiven Überraschungen ist auch immer viel Klarheit im Spiel. Chopins Charakterstück Mädchens Wunsch spannt diesen verspielten Bogen weiter, was der Zusammenstellung eine kurzweilig anmutende Gesamt-Dramaturgie verleiht.

Der große Hit auf dieser CD ist Beethovens Rondo Capriccioso über Die Wut über den verlorenen Groschen. Reisenauer treibt das Tempo mit forscher Energie auf die Spitze, wirft mit Tonrepetitionen um sich, zerdehnt mittendrin mal eben das Tempo, reizt polternde Gegenrhythmen aus, verbiegt Dynamik und Rhythmik und verleiht den Auszierungen eine betont schräge Note. Es wäre doch schade, wenn Interpreten sich zuviel auf Werktreue versteifen und dabei die Fantasie auf der Strecke bleibt! Dieses Fazit scheint uns Reisenauer aus ferner Vergangenheit in die Gegenwart zuzurufen und dank dieser wundersamen Technik wird alles in beste heutige Klangqualität übersetzt. Derart geläutert, kann der geneigte Hörer auch weiterhin alle Sinne öffnen, um Beethovens Für -Elise-Bagatelle als etwas Frisches und Neues in sich aufzunehmen, um schließlich in Chopins Berceuses Des-Dur und Beethovens Rondo C-Dur zu innerer Ruhe finden, wenn sich Reisenauer hier von der verhalteneren Seite zeigt.

Stefan Pieper

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