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Rondomagazin: "Eine biedere ältere Dame mit einem ebenso biederen Doppelnamen blickt uns vom pics entgegen, und um erheiterte Herablassung ("Dissertationsthemen in der feministischen Musikwissenschaft werden wohl rar?") nicht erst aufkeimen zu lassen, sollte man gleich zur Klaviersonate op. 6 vorangehen. Es ist eine jener Kompositionen, bei denen wir uns fragen, warum um Himmels willen sie heute niemand kennt. Pfitzner und Reger waren die Vorbilder der 1888 im Hamburg geborenen Komponistin, doch geht diese fünfundzwanzigminütige, ungeheuer dichte und emotionsgeladene Musik weit über die "Regerismen" hinaus, die in früheren, auch auf dieser CD zu hörenden Klavierwerken durchscheinen. Die 1917 komponierte Sonate klingt so düster, so mystisch, als habe die Komponistin damals Skrjabin (Zweite Sonate!) bereits entdeckt. Im Beiheft ist zu lesen, dass der Dirigent Artur Nikisch die junge Pianistin 1918 gleich als Solistin des dritten Rachmaninow-Konzertes engagierte, nachdem sie ihm diese Sonat vorgetragen habe. Die Anekdote lässt die pianistische Durchschlagskraft dieses Stückes ahnen. Die junge Pianistin Babette Dorn meistert den spätestromantisch komplizierten, teilweise hypertrophen Satz mit einer Souveränität und Klangfantasie, die das Niveau von Raritätenproduktionen deutlich übertreffen. Nach 1945 verstummte Ilse Fromm-Michaels, die erst 1996 mit achtundneunzig Jahren starb. Wen wir ihre Werke mit dieser CD wiederentdecken, bedarf sie des Etiketts der "komponierenden Frauen" und "Vergessenen" nicht, mit dem die Ausgrabung von Zweifelhaftem gerne legitimiert wird. Wir stehen vor reifen, ausgefeilten Schöpfungen."
Matthias Kornemann

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