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Audiophile CD

Chopins zerrissene Seele
Den wahren Chopin-Interpreten erkennt man nicht an seiner Virtuosität, sondern daran, wie er die unscheinbaren, leichten, nackten Stücke meistert. Bisher kannte man den Wahl-Hamburger Evgeni Koroliov als strengen, klugen Bach-Interpreten. Nach diesem ersten Chopin-Album muss der 1949 in Moskau geborene Musiker jedoch auch zu den großen Chopin-Spielern gezählt werden.
Die Mazurken, die Chopin sein ganzes Leben lang beschäftigten, sind seine intimste Gattung, der Spiegel seiner trostlosen, zerrissenen, zutiefst polnischen Seele, und deshalb erfordern sie höchstes Einfühlungsvermögen und eine absolute Rubato-Sicherheit: Es gilt, die schwierige Balance zu finden zwischen dem bodenständigen Dreierrhythmus und dem freien vokalen Gestus in der Rechten. Koroliov trifft diesen persönlichen Seelenton mit der für ihn typischen Mischung aus Strenge und Sensibiliät: Sein Ton bleibt die ganze Zeit über erstaunlich geradlinig, herb und schnörkellos - wie durch Bachs Polyphonie geläutert. Und trotzdem gelingt es dem 60-Jährigen, viel tiefer in die schmerzliche Seele Chopins hineinzuleuchten als die vielen Parfümiers und Klangästheten.
Koroliov schwingt sich ein in Chopins musikalische Rhetorik, er meditiert geradzu und verschwindet ganz hinter der Musik. So gewinnt sein Spiel trotz des hohen Grades von Persönlichkeit eine unglaubliche objektive Kraft.
Weil er die "nackte Wahrheit", den Kern der Mazurken aufspüren will, folgt Evgeni Koroliov nicht der üblichen Chronologie, sondern entscheidet sich für eine persönliche Auswahl von 25 Mazurken, die er durch intelligent gewählte "Übergänge" zu einer eigenen, höchst suggestiven Geschicht fügt.
Da entstehen Verbindungslinien zwischen weit auseinander liegenden Stücken: man spürt, dass es Chopin hier stets um existenzielle Fragen, um die Suche nach Wahrheit ging, und dass gerade die Mazurken in ihrem inneren Empfindungsreichtum die ganze Bandbreite seiner stolzen, tragischen Seele widerspiegeln - und letztlich Trost spenden in der Trostlosigkeit.
Das ist das suggestivste und interessanteste Chopin-Album seit Langem. Auch das Klangbild ist von intimer Präsenz, doch ganz ohne Parfüm. Wenn man nur wenige CDs auf die einsame Insel mitnehmen dürfte, Evgeni Koroliovs erstklassig interpretierte 25 Chopn-Mazurken wären bestimmt dabei.

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