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Joseph Haydn "Sonnenquartette"

Gesamtaufnahmen der Haydn-Quartette besitzen Seltenheitswert, neben derjenigen des Aeolian Quartet aus den frühen 70er Jahren findet sich nur die sehr gute des Angeles Quartet aus den 90ern und die des ungarischen Kodály Quartetts, die allerdings ein wenig musikantisch al fresco und vor allem aufnahmetechnisch unbefriedigend geriet. Das dürfte auch daran liegen, dass ein Ensemble, will es Haydns 68 Streichquartette einspielen, einen langen Atem braucht. Eine größere künstlerische Herausforderung ist kaum denkbar.

Schließlich gilt es, jedem einzelnen dieser sehr individuellen Werke gerecht zu werden. Die Streichquartette zeigen, wie Haydn über vier Jahrzehnte hinweg mit der Form rang und spielte, wie er mit unerschöpflicher Fantasie und immer wieder großem Witz neue formale Lösungen für die Gattung suchte und fand, hier die Durchführung erweiterte oder die Reprise veränderte, dort die Fuge als Finale inthronisierte oder das komplexe Sonatenrondo entwarf.

Intellektuelles Abenteuer

Es ist ein Kosmos mit vielen Facetten, von den gattungsstiftenden Zyklen op. 9 und 17 über die Extreme und Brüche im Opus 20, die klassische Ausformulierung im Epochenwerk Opus 33 bis hin zum vollendeten op. 76. Und ziemlich oft stößt man auf einen dramatisch aufgeladenen Tonfall, auch auf Passagen, in denen der Formtüftler, der noch heute manchem als der gute, alte "Papa Haydn" gilt, ohne Rücksicht und geradezu lustvoll die von ihm selbst entwickelten (und für andere zur Norm gewordenen) Formen zerschlug. Haydn und das Streichquartett - das ist ein intellektuelles Abenteuer, irgendwie auch der Roman eines Lebens, den vom ersten bis zum letzten Ton kaum jemand kennt.

Tonfall der Einsamkeit

Auch die Quartette op.20 hat Haydn noch als Divertimenti bezeichnet. Tatsächlich aber gehen sie über das Unterhaltende weit hinaus. Zwei der sechs Werke stehen in Moll, was bereits ungewöhnlich ist. Auch sind sie zwar noch eine Gruppe, aber doch eine von absolut individuellen Einzelwerken. Verbindendes Element ist die in dieser Form und Intensität nicht dagewesene kontrapunktische Arbeit. Und nicht zuletzt wagte Haydn in den Quartetten op.20 eine Ausweitung und Intensivierung der Affekte, des emotionalen Rahmens, der völlig ungewöhnlich war. Schon hier zeigt sich, dass das Streichquartett für ihn weit mehr war als das bloße Spiel mit Formen. Aus einigen schier atemberaubenden langsamen Sätzen spricht ein bis dahin gänzlich unbekannter Tonfall großer Einsamkeit, der weit in die Romantik voraus weist.


Klangliche Wärme und emotionale Intensität

Die Gesamtaufnahme der Auryns, wenn sie demnächst vollendet ist, wird zu den Meilensteinen der Haydn-Diskographie gehören. Wie stets bei diesem wundervollen Ensemble strahlt auch sein Haydn eine große klangliche Wärme und emotionale Intensität aus. Das Spiel der Auryns bewegt sich stilistisch absolut auf der Höhe der Zeit. Man merkt genau, dass die vier Musiker sich Erkenntnissen der historisch informierten Aufführungspraxis nicht verschließen, ohne ihnen sklavisch zu folgen. Der Klang ist intensiv und dicht, bleibt gleichzeitig schlank und immer kultiviert. Auch die durchaus räumliche Aufnahmetechnik lässt keinen Wunsch offen. Wenn dieses Projekt dereinst abgeschlossen ist, wird - soviel lässt sich jetzt schon sagen - eine Maßstäbe setzende Gesamtaufnahme der Haydn-Quartette vorliegen.

Oswald Beaujean

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