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Erst später ein Gespenst
Die Aufnahmen, die Elly Ney 1906 auf dem Welt-Mignon-Flügel gemacht hat, klingen dank der erfinderischen Wiedergabetechnik des Stuttgarter Tonmeisters Andreas Spreer wie aus einem modernen Digitalstudio. Sie sind eine kleine Sensation: zwar verscheuchen sie nicht das Gespenst der Reichsklaviergroßmutter von Hitlers Gnaden, aber doch das der „Hohepriesterin“ des pathetischen Beethovenspiels, wie es ihre Altersaufnahmen vermitteln. Gewiss, die damals 24-Jährige ist im heftigen Rubatospiel sowie im Auseinanderdriften der beiden Hände hörbar ein Kind ihrer Zeit. Und sie war sich auch nicht zu schade für Salonstücke wie einen mit Charme servierten Walzer von Leo Délibes oder die bravourös bewältigte achte Ungarische Rhapsodie von Liszt. Das größte Interesse erregen freilich zwei Sätze aus Beethovens Klaviersonate op. 110 sowie das Andante aus Brahms’ dritter Klaviersonate – Stücke, die sie noch im hohen Alter gespielt hat. Hier erklingen sie ganz unprätentiös lyrisch und ohne jenes manierierte Vorbuchstabieren, das sie später selbst als Zeichen der Vergeistigung hielt. Im Scherzo der Beethovensonate meistert sie den virtuosen Mittelteil mühelos, deklamiert das einleitende Rezitativ des Schlusssatzes höchst beredt, hat mit der Fuge allerdings hörbar Mühe und findet erst in der abschließenden Stretta wieder zum elanvollen Spiel zurück. Elly Neys frühe Aufnahmen sind ein Glücksfall: die Begegnung mit einer jungen Musikerin, die noch nicht zu ihrem eigenen Monument erstarrt ist. Uwe Schweikert

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