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"Dies ist keine historische Aufnahme. Aber die Musik, die man hört, ist die historisch originale (in allen Feinheiten) genaue Interpretation von damals. Und das Mysterium: Der Interpret von damals war bei der neuen Aufnahme präsent, ohne selbst anwesend zu sein."

Dies ist sprachlich deplorabel – in der Sache aber nicht falsch: Tacet hat Welte-Mignon-Rollen Debussys und Ravels neu abgespielt und aufgenommen, "vom besten Fachkönner", Hans-W. Schmitz, assistiert. Dieser weist in seinem Beihefttext detailliert nach, welcher (bis dato kaum gewürdigter) klanglichen Finessen die Welte-Mechanik 1912 bereits fähig war – und welche Herausforderungen heutige Welte-Exegeten gewärtigen müssen: Es sind "Justierungen auszuführen, welche die Steuerung der Anschlagsdynamik und des Wiedergabetempos entscheidend verbessern. Dies ist lange aus Unkenntnis nicht beachtet werden." Schmitz versäumt freilich nicht, auf Limitationen der Welte-Rollen hinzuweisen: "Offenbar nahm die Firma Welte unter marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten eine marginale Einschränkung am Wiedergabeapparat in Kauf: Er regelt die Lautstärke nicht für jeden Ton einzeln, sondern nur getrennt für die Bass- und die Diskantseite. Eine dynamische Differenzierung gleichzeitig angeschlagener Töne innerhalb von Akkorden [...] ist daher nicht möglich." Ob Debussy und Ravel, keiner der beiden Konzertpianist, allzu viele solcher Differenzierungen anbringen konnten?

Das Ergebnis kann sich jedenfalls hören lassen. An Biegsamkeit der Linie, farblicher Vielfalt, Plastizität stehen Welte-Rollen, solcherart dargeboten, Aufnahmen unserer Tage kaum nach. Die Schmitzschen Errungenschaften wirken sich im ‚impressionistischen’ Repertoire besonders vorteilhaft aus. Mag man im ‚deutschen’, ‚österreichischen’ Repertoire, bei Bach, Beethoven, Mozart, auf klangliche Subtilitäten gern zu verzichten bereit sein – bei Debussy und Ravel sind sie ‚Substanz’. So gesehen müssen Schmitz’ Neueditionen als veritable Sensation gelten: Wir hören ′Children’s Corner’ oder ′Préludes’ und, seitens Ravels, die ′Sonatine′ f-moll oder ′Valses nobles et sentimentales’ – zumindest aber ihre Komponisten – wie zum ersten Mal.

Was nun Debussys und Ravels stilistischen Gestus betrifft, ist eine gewisse Lässigkeit, auch Schnoddrigkeit zu konstatieren. Es scheint, der Ewigkeitscharakter der Einspielungen war beiden nicht recht bewusst. Das zeigt sich einerseits in handwerklichen Unstimmigkeiten, andererseits in einer Rubato-Freizügigkeit und genialisch-improvisatorischen Spontaneität, die unsereins, geschult an Benedetti Michelangelis kristallener Strenge, recht fremdartig anmutet – wiewohl sie das Siegel der ‚Authentizität’ trägt. Die Rollen zeigen, wie sehr v. a. allem Debussy dem 19. Jahrhundert verhaftet ist.

Trotz alledem: Mag diese Platte historisch höchst aufschlussreich sein – an erster Stelle ist sie musikalischer Genuss.
Dr. Daniel Krause

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