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Evgeni Koroliov ist sicher einer der ernsthaftesten, selbst in hochexpressiven Momenten unerschütterlich diszipliniertesten Interpreten nicht nur der pianistischen Gegenwart, sondern auch der gesamten Szene seit es Möglichkeiten der Aufzeichnung gibt. Insofern war ich sehr neugierig, wie dieses Vorbild an Genauigkeit und musikmoralischer Unbedenklichkeit mit den Beethovens Bagatellen verfahren wird. Zumal mit den oft kapriziösen, springlebendigen 11 Bagatellen op. 119, die von den Interpreten nicht nur unserer Tage viel seltener beachtet werden als die späten op. 126. Koroliov nun meißelt die forscheren „Kleinigkeiten“ nach besten Regeln etwa eines „Risoluto“, er zeigt sich aber auch übermütig, das heißt unter diesen Umständen: er scheint sich durchaus einer humoristischen Spielart, einer gleichsam klavierkabarettistischen Note zu öffnen und sie mit seinen ganz eigenen Mitteln unwiderlegbarer Diktion zu forcieren (oder auch zurückzunehmen). Unter diesen Umständen sind diese Miniaturen als bedeutende Musik zu erleben, zugleich aber auch als experimenteller Beifang im kompositorischen Schleppnetz des Komponisten.

Obwohl die sechs Bagatellen op. 126 später als die Diabelli-Variationen op. 120 entstanden sind, könnte man den Verdacht hegen, bei diesen „Bunten Blätter“ handelte es sich um eine schöpferische Klaviergymnastik im Vorfeld der monumentalen Diabelli-Überhöhung. Die Platzierung der Bagatellen am Ende der ersten CD und damit im Vorfeld der zweiten CD mit dem Diabelli-Zyklus legt diese etwas irreführende Fährte, vor allem dann, wenn man sich als Hörer an die von Tacet vorgegebene Werkfolge hält.

Mit den Diabelli-Variationen erweist sich Evgeni Koroliov als ein Meister der Sichtung, der Staffelung, der Bündelung und Durchleuchtung einzelner und eng zusammenhängender Abwandelungssmodelle. Das Thema nimmt er ernst, spielt es ohne übertriebene Akzente, ohne ironische Zwischentöne, schon gar nicht so überbetont sentimental wie Sokolov. Koroliov handelt grundsätzlich streng, aber auf eine ganz eigene Weise elastisch, mit großer Bereitschaft, die melodisch innehaltenden, ja stockenden Variationen in aller spannungsvollen Ruhe auszukosten, wobei es ihm gelingt, stets das Vorhergehende mit der Illusion des Kommenden zu verbinden.

Die erste CD wird eingeleitet mit der Klavierduofassung der Großen Fuge op. 134. Meiner Meinung nach ist es die plastischste, sozusagen „verständlichste“ aller mir zu Verfügung stehenden Darstellungen. Ein schönes Lehrstück also, wie man das Akademische einer Fugengedanklichkeit in die Nähe geistvoller Unterhaltung zu rücken vermag. Evgeni Koroliov präsentiert hier erneut seine aus Mazedonien stammende Frau Ljupka Hadzigeorgieva. Es entspricht einem Trend der letzten Jahre, ja Jahrzehnte, denn nicht wenige namhafte Pianisten treten mit ihren Ehefrauen auf, zumindest legen sie den Veranstaltern nahe, in ihren Solokonzerten wenigstens einen familiären Abschnitt zu akzeptieren. Ich denke an Dezsö Ránki und Edit Klukon, Robert Levin und Ya-Fei Chuang, Herbert Schuch und Gülru Ensari – um nur drei solcher Formationen zu nennen.

Peter Cossé


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