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(...) Vor dem Schallplatten-Hören steht meist das Booklet-Lesen, das hier nachdrücklich anzuraten ist. Hier stammt der Text aus Katharina Eickhoffs Feder. Die bekannte Klassikmoderatorin im SWR und anderswo beschreibt in wunderschön schlichtem Plauderton kenntnisreich, wie Mozart seine "innere Stimme" entdeckte, als er erst spät in seinem kurzen Leben der Klarinette begegnete, dem Instrument, das am besten seine Sehnsucht erfüllte, Melodien zu komponieren, die nicht nur von der menschlichen Stimme, sondern von Instrumenten, ja von kleinen und großen Ensembles gesungen werden. Denn - da hat Frau Eickhoff recht - Gesang war Mozarts Lebenselixier: gab es keine Opern zu schreiben, dann eben anderes, wo er singen lassen konnte. Sie nennt Beispiele - Konzertarien, Kavatinen, Kantilenen, Rezitative - und man kann auch Kanons und klavierbegleitete Lieder anfügen. Und da hörte er nun im Mannheimer Orchester die Klarinette, damals noch nicht weit entwickelt und mit oft scharfem Ton! Dank Anton Stadlers Bläserkunst tanzte seine Phantasie Kapriolen: im "Figaro" von 1786 kann man es hören, in seinen späteren Klavierkonzerten und Sinfonien. Frau Eickhoff findet dafür eine berückende Formel, sie spricht vom "typischen Mozart'schen Seelenton" als "Menschenstimme mit transzendentem Mehrwert". Es lohnt sich, den ganzen Text zu lesen, in dem sogar Busoni und Schopenhauer zu Mozart zitiert werden!

Auch so erklärt sich, dass alle Klassikfreunde es kennen und lieben: Mozarts unsterbliches Klarinettenkonzert, ein beglückender Abschiedsgesang an die Welt - was er aber beim Komponieren nicht wusste. Der himmlicsche Mittelsatz ist Seelenbalsam für viele Menschen, die sich dieses Stück immer wieder im Radio wünschen. Kein Wunder, dass jeder Klarinettist, der auf sich hält, das Werk einspielt. So auch jetzt wieder Dirk Altmann, langjähriger Soloklarinettist des SWR-Sinfonierchesters in Stuttgart, der uns auf diesen Seiten immer wieder begegnet (...). Bei TACET erschien nun seine neue Aufnahme und sie zeigt Besonderheiten.

Doch noch eine weitere Vorbemerkung ist nötig, und zwar zur besonderen Aufnahmetechnik, die sich Andreas Spreer für sein Label TACET ausgedacht hat. Schon lange bedient er sich einer besonderen Raumtechnik (...). Spreers Surroundsound-Raumklang wird so eingefangen, dass der Hörer in der Mitte seiner mindestens vier Lautsprecher die Musik so hört, als säße er mittendrin im Kreis der Musiker. Beschrieben habe ich das vor sechs Jahren bei einer Produktion von Mozarts "Gran Partita" KV 361. Details dieser besonderen Raumklang-Technik beschreibt TACET in jedem seiner Booklets.

Ein solches Erlebnis vermittelt jetzt auch diese neue Produktion mit Mozarts Klarinettenwerken. Höre ich mit der nötigen technischen Ausstattung die ersten Takte des Quintetts KV 581, dann halte ich den Atem an, wenn sich nach einigen Takten - die Klarinette hat ihre ersten Melodien gesungen, die Streicher haben gemeinsam begleitet und geantwortet - das Cello in einem hinter mir stehenden Lautsprecher mit seinen sparsamen Pizzicato-Zupfern bemerkbar macht, wie ich sie so deutlich noch nie hörte, Und so geht es weiter. Melodiebögen, Bassfiguren, Girlanden in die Höhe - alles mischt sich wunderbar und dabei nehme ich genau wahr, wer von den Fünfen gerade was spielt. So höre ich in der Durchführung vor oder hinter mir rechts oder links in einer der vier Tonquellen immer von neuem hier die Klarinette, dort eine Violine, woanders die Viola, wieder wandert das Cello, jedes mit seiner Melodie, bis alle fünf Stimmen sich wieder im Gesamtklang treffen und um mich herum vereinen - ich fühle micht mittendrin im Kreis der Fünf! Hier wird mir ein Erlebnis vermittelt, wie ich es in keinem Konzert live erleben kann: raffinierte Aufnahmetechnik verschafft mir einen Musikgenuss, der real nicht möglich ist und der mir die Struktur einer Komposition auffächert und zu neuen Erkenntnissen führt, die den Genuss wundersam verstärken. Das gilt für alle Sätze dieses "Stadler-Quintetts" und auch für das Konzert KV 622, wo sich dem Klarinettisten nur so viele Kollegen seiner Stuttgarter SWR-Sinfonierorchester beigesellen, wie bei der Uraufführung des Werks am 16. Oktober 1791 in Prag beteiligt waren: 3 erste und 3 zweite Geigen, 2 Bratschen, dazu je 2 Flöten, Fagotte und Hörner und ein altmodischer Generalbass mit Cello, Kontrabass und Hammerklavier. Man staunt über die Klangfülle dieser vierzehn Stimmen samt Basso continuo, die gemeinsam der Klarinette ihren Klangraum öffnen!

Die wohlbekannten Melodien in den drei Sätzen werden bei ihrer Wiederholung mit hübschen Ornamenten versehen, überhaupt überraschen viele originelle Verzierungen, kleine Fermaten werden mit aparten Kadenzen phantasievoll ausgefüllt, es gibt Verzögerungen zum Atemholen vor einer besonders betörenden Melodie und steigt die Klarinette in die Tiefe - die von Stadler benutzte und heute nachgebaute Bassettklarinette kann das ja -, dann hört man in den Höhen unvermittelt deutlich eine reizvolle Geigen- oder Bratschenstimme, die sonst kaum auffällt. Der Generalbass sorgt - mit dem meist nur in Pianopassagen deutlicher zu hörenden Fortpianoklang - für ein fülliges, solides und attraktives Fundament. Der Solist verzichtet auf alles Spektakuläre und lässt in manchmal verträumter Innigkeit sein Instrument mit wunderbarem Ton beseelt singen und singen - und wenn die Läufe in den Himmel stiegen, reißt der auf und spendet Licht! Tröstlicher lässt sich diese Jenseits-Musik kaum spielen...

Zwei Lieder Mozarts gefielen den Musikern so gut, dass sie sie zwischen die beiden großen Werke einschoben, damit man sich einige Minuten entspannt zurücklehnen kann: erst Abendstimmung KV 523 mit einem Abschiedstext an das Leben, der - wie hier von einer Klarinette gesungen - alles andere als endzeitlich klingt, und das bekannte Lied "An Chloë" KV 524, ein schwärmerisches Liebeslied, das Todessehnsucht beschwört, um dann zu enden mit dem Vers: "Und ich sitze dann ermattet, aber selig neben dir".

Genau so reich beschenkt und beglückt fühle ich mich nach 68 elysischen Minuten dieses TACET-Mozarts...

Dieter Steppuhn

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